Hallo Manchester!

Mal wieder eine Folge unserer allseits beliebten Tradition “Verreisen am Eulengeburtstag”. Diesmal haben wir uns ein verlängertes Wochenende in Manchester gegönnt.

Ihr denkt so: Hä? Wieso denn ausgerechnet Manchester?

Nun, hauptsächlicher Grund war, dass zwei sehr liebe Freunde von uns, Anna und Joe, letztes Jahr dahin gezogen sind. Ansonsten wäre Manchester wohl vermutlich auch nicht auf unserer To-Visit-Liste aufgetaucht. Warum das sehr sehr schade gewesen wäre und auch ihr Manchester mal dringend besuchen solltet, erzähle ich euch jetzt!

Anschauen!

Verarmte Stadt, alles graue Industrieruinen, die Menschen weinen und sind arbeitslos? No way! Da wurden wir aber ausgelacht: Dafür seid ihr 15 Jahre zu spät dran. In Wirklichkeit hat Manchester die perfekte Mischung aus Alternativität, Bodenständigkeit und Hipstertum, dazwischen ein paar Großbritannien-Klischees mit besoffenen Mädchen in zu kurzen Röcken und echt schwer verständlichem Dialekt.

Ist natürlich schon ein fetter Vorteil, wenn man Leute in fremden Städten kennt. Ich habe zwar auch ein bisschen durch den Reiseführer geblättert, aber eigentlich haben wir uns hauptsächlich von unseren Freunden durch Manchester führen lassen. Die Innenstadt ist sehr bequem zu Fuß erkundbar, da echt übersichtlich. Für weiter außerhalb liegende Orte muss das komplizierte Bus- und Tramsystem herangezogen werden. Tipps dazu kann ich euch leider keine geben, denn wir haben brav Schäfchen gespielt und auf unsere Insider gehört. Aber offenbar gibt es mehrere Busunternehmen und die Tram, die allesamt nicht zusammen gehören und man deshalb darauf achten sollte, für welches Unternehmen man sich gerade Tickets gekauft hat, denn die gelten in den anderen nicht. Auch Tageskarten nicht.

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In der südwestlichen Innenstadt befindet sich der Stadtteil Castlefield, durch den sich sehr Pittoresk der River Medlock mit vielen Kanälen schlängelt. Erinnert sehr an eine Miniversion von Amsterdam, auch wegen der Hausboote die hier und da anlegen. Über die vielen bunten und verzweigten Brücken fahren ab und an Bahnen, die sich bestimmt super fotografieren lassen, wenn man die Geduld hat auf genau diesen Moment zu warten.

Beetham Tower Night

Nordöstlich von Castlefield liegt der Beetham Tower, DAS Hochhaus von Manchester und höchstes Gebäude in Großbritannien außerhalb von London. Man kann es prima als Orientierungspunkt nutzen, denn es ist von fast überall zu sehen. Wer auf poshe Baratmosphäre von vor 10 Jahren steht, kann dort in luftiger Höhe ein paar (teure) Cocktails schlürfen. Aber nachdem Herr Eule und ich uns dagegen entschieden haben, können wir keine konkrete Empfehlung aussprechen.

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Da alle öffentlichen Museen in England kostenlos sind, kann man auch hier ruhig in mehrere gehen und einfach mal gucken, ob etwas für einen dabei ist. Nördlich von Castlefield  liegt das Museum of Science and Industry. Während die Flugzeugausstellung mich leider zu Tode langweilte, fand ich die Halle mit der Geschichte der Industriellen Stoffproduktion sehr interessant. Hat halt jeder so seine Leidenschaften. Bis zum 15.05.2016 lief die Ausstellung Evaporation der Künstlerin Tania Kovats, in der es um unser Verhältnis zum Wasser und im Speziellen zu unseren Meeren und Ozeanen geht. Klein, aber sehr schön! Vielleicht kommt die Ausstellung ja auch mal nach Deutschland.

Mitten im Herzen der Stadt liegt das baulich ziemlich beeindruckende Manchester City Council und direkt um die Ecke die Manchester Library. Hier sollte man einen Blick in die wunderschöne  Lesehalle mit der großen Glaskuppel werfen – aber leise! Besonders cooler Service: Die Bibliothek stellt kostenlos Musikinstrumente zur dortigen Nutzung zur Verfügung. So muss man sich nicht finanziell verausgaben um Klavier oder Schlagzeug spielen zu lernen, oder das WG-Zimmer anbauen (und einen Rauswurf riskieren).

Art Gallery

Von der Bibliothek aus lasst ihr euch zweimal umfallen und steht schon in der Manchester Art Gallery. Das Kunstmuseum bietet einen angenehmen Mix aus allen Kunstrichtungen und Epochen, inklusive zeitgenössischer Installationen und Mode. Bis zum 05.06.2016 gibt’s auch die sehr interessante Ausstellung The Imitaion Game zu sehen. Wer so hart im Nerd-Zug mitfährt wie wir, der weiß natürlich sofort worum es sich dabei dreht: Maschinen und ihre potentielle Fähigkeit menschliche Eigenschaften zu imitieren. Besonders spannend fand ich die Installation Fish-Bird von Mari Velonaki: Zwei Rollstühle, die über eine eigene Persönlichkeit verfügen, einen Antrieb mit dem sie sich fortbewegen können und einen kleinen Kassenrollendrucker, mit dem sie sich gegenseitig und den Besuchern Nachrichten schreiben können. Fish und Bird, wie die beiden passenderweise heißen, sind ein Paar, das aber nie zusammen sein kann. Herzzerreißend… Äh, Moment… warum eigentlich? Sind doch nur zwei Maschinen… Tjaja, schon sind wir mitten im Imitation Game…

China town manchester

Direkt neben der Art Gallery schließt im Westen Chinatown an. Wobei – Town ist vielleicht ein wenig übertrieben. Es sind eher “China Streets”, aber nichts desto trotz eine sehr nette sehenswerte Ecke, inkl. Asia-Kitsch und chinesischem Tor.

Etwas weiter im Norden der Innenstadt befindet sich das Manchester Arndale Einkaufszentrum. An sich jetzt nicht besonders besichtigungswert, aber mit interessanter Geschichte: 1996 hat die IRA hier einen Bombenanschlag verübt, bei dem zwar niemand getötet wurde, da rechtzeitig eine Warnung raus ging, aber das ganze Quartier in Schutt und Asche gelegt wurde. Wenn man sich den Stadtplan ansieht, erkennt man allein anhand der Straßenführung genau was alles zerstört wurde: während die städtebauliche Struktur in der Umgebung sehr Kleinteilig ist, liegt das Einkaufszentrum wie ein riesiger Flatschen da drin.

Gleich nebenan befindet sich die Manchester Cathedral, die aber nicht so imposant ist, wie man sich so ne Kathedrale vielleicht vorstellen würde. Viel netter fand ich die beiden kleinen Fachwerkhäuser nebenan am Shambles Square und deren Geschichte. Gebaut wurden die Häuser im 16. Jahrhundert und irgendwann in den 1970ern oder 80ern versetzt, um Platz für das  damalige Arndale Centre zu schaffen, jedoch bei dem Bombenattentat 1996 teilweise zerstört. Nachdem sie dann eigentlich schon wieder errichtet waren, hat man beschlossen, sie doch nochmal zu versetzen, um Platz für den Shambles Square zu schaffen. Joa… kann man machen…

Victoria Baths Fool

Ein kleiner Ausflug Richtung Südosten, raus aus der Innenstadt, der sich mal wirklich lohnt: die Victoria Baths, ein wunderschönes früheres Hallenbad, das in den 90ern geschlossen wurde und lange Zeit leer stand. Einige engagierte Leute haben sich daraufhin zusammen getan und setzen sich seitdem für die Sanierung des Bades ein, indem sie das Gebäude nach und nach baulich wieder auf Vordermann bringen und verschiedene kulturelle Veranstaltungen dort organisieren. Langfristig sollen die Victoria Baths wieder zu neuem Badeglanz erstrahlen. Ihr solltet euch auf jeden fall auf der Homepage über aktuelle Veranstaltungen oder Führungen informieren, denn das macht einen großen Teil des Reizes aus!

Anna und Joe haben uns als Geburtstagsgeschenk für Herrn Eule an einem Abend mit in die Victoria Baths zum Event Fool genommen: 20 Performances zu je 3 Minuten; nach Ablauf der Zeit wurden die Künstler radikal mit einem Hupsignal rausgegrätscht. Wir hatten wunderschönen Gesang, witzige Comedyeinlagen und verstörende Kunst-Performances mit anschließender Party. Absolut traumhaft!

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Wenn ihr noch ein wenig Zeit habt, könnt ihr einen Abstecher in den südlichen Stadtteil Chorlton machen. Hier gibt es Harry-Potter-Romantik in den hübschen klischee-englischen Wohnstraßen und sehr nette Pubs und Cafés.

 

Essen!

Wie der Joe so schon sagt: was die Briten nicht können ist fluffig oder Gemüse. Sprich: alles ist sehr kompakt und Gemüse als Beilage nicht so verbreitet, höchstens ne Klatsche Erbsenpürree oder dieses unsägliche TK-Mischgemüse, das nach Brühwürfel schmeckt. Was die Briten allerdings schon können ist Fish and Chips. Ziemlich leckere und dazu noch in großer Portion gibt’s im The Ox Noble, direkt gegenüber vom Museum of Science and Industry. Preislich so eher im oberen Mittelfeld.

this that manchester

So wie es bei uns an jeder Straßenecke gute italienische Restaurants und Imbisse gibt, läufts bei den Briten mit indischem Essen. Wenn ihr euch in die absolut unappetitliche und vermüllte Soap Street traut (ja, passender Straßenname, oder?), findet ihr im nordöstichen Innenstadtbereich das This & That, einen indischen Imbiss mit Kantinenflair. Lasst euch nicht abschrecken, denn die täglich wechselnden Gerichte (immer je drei vegetarische und fleischige) sind absolut superlecker und unschlagbar günstig! Ihr bekommt einen Teller Reis und sucht euch bis zu drei Lieblingssaucen aus. Gutes Konzept für Leute, die sich gerne durch verschiedene Sachen probieren. Wir haben gleich zwei mal da gegessen. Und jetzt, da ich darüber schreibe, hätte ich übelst Bock dort zu essen!

Auf dem Campus der University of Manchester (südöstlich der Innenstadt) gibt es in dem schönen alten Gebäude der Whitworth Hall das wunderbare Christie’s Bistro. Hier kann man den Tag perfekt mit einem Latte und einem süßen Teilchen beginnen… und eine weile lang zwischen den alten Büchern auf gemütlichen Couchen fläzen.

Falls ihr beim Spaziergang durch Castlefield ein bisschen hungrig geworden seid, empfiehlt es sich ein Plätzchen auf der Terrasse vor The Wharf zu suchen. Die gemischten Pub Bites sind ein sehr leckerer Snack für zwischendurch. An den britischen Klassiker Ale konnte ich mich jedoch echt nicht gewöhnen. Kann man drehen wie man will: schmeckt halt nach warmem, lackem Bier.

Für ein Käffchen und sehr gehaltvollen Kuchen kann man das isländische Café Takk (isländisch für “Danke”) besuchen. Das interiör ist rustikal und der Kaffee *ähm* kräftig. Also sehr authentisch isländisch 😉

 

Einkaufen!

Shoppingliebhabern hat Manchester auch einiges zu bieten. Kleine Design-Gruschläden, Second-Hand-Mode, Handwerkskram – alles dabei!

cow manchester

Um gebrauchte Klamotten und die Upcycling-Eigenmarke zu shoppen, geht man ins Cow. Die Preise sind für britische Verhältnisse echt mehr als ok und ein paar fancy Sachen kann man sich ganz sicher erstöbern.

fig sparrow

Direkt gegenüber gibts Design-Grusch satt. Im fig + sparrow (klar, dass ich den Laden gut finde, oder?) kann man draußen oder im hinteren Bereich ein Käffchen genießen (behold! wir sind in England! Trinkt lieber Tee…) oder grotesk hübschen Haushaltskram kaufen. Ich durfte immerhin eine Tasse mitnehmen. Scheiße, wenn man mit Handgepäck unterwegs ist…

Für den Design-Gruscht-Overload geht ihr dann am besten ins Craft & Design, wo ihr auf mehreren Ebenen viele kleine Handwerks-, Design- und Kunstläden findet, untergebracht in einer ehemaligen Fisch- und Viktualien-Markthalle.

 

Und sonst so?

Manchester ist jetzt nicht so die absolute Schnäppchenstadt, aber ich denke das trifft auf ganz Großbritannien zu – aber längst nicht so hart wie Skandinavien!

Und auch wenn euer Englisch echt was für superkluge ist: der Dialekt ist zumeist schon eher anstrengend und schwer verständlich. Aber macht euch nix draus: wenn ihr es hinbekommen habt ein paar Ale herunter zu würgen, sprecht ihr eh die internationale Sprache der angetüdelten…

 

 
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  4 comments for “Hallo Manchester!

  1. uli
    17.05.2016 at 21:42

    Ich find es schaut schon ganz cool aus, ich mag ja so abgefuckte Ecken ganz gern, aber der Mix aus Neu, Alt und Britisch scheint ganz gut zu sein. Ich muss gerade wegen der Sprache lachen – das ist vermutlich so, wenn ich tirolerisch rede, verstehst du vermutlich auch nicht viel 😉

    glg Uli

    • 18.05.2016 at 07:18

      Meine Freundin Bine wohnt mit ihrem Mann in der Nähe von Wien. Auf ihrer Hochzeit waren diverse Österreicher und das mit den Dialekten hat einigermaßen geklappt (mit Bayrisch kommt man da auch einigermaßen weit), aber die eine Lady, die wir so gar nicht verstanden haben, war aus der Steiermark…

  2. 18.05.2016 at 14:18

    oh ich bin bald zum ersten Mal in England ganz klischeehaft in London und bekomme gerade Vorfreude – auch wenn Manchester nicht auf dem Plan ist. Freunde in nicht klischeehaften Touri-Städten zu haben ist echt was tolles. Ich hätte schon noch Lust mir auch noch andere Ecken in England anzuschauen – und zu sehen was nach dem post industriellen Arbeiterklischee der 90er, das du ja auch erwähnt hast und das auch irgendwie in meinem Kopf aufgeploppt ist, jetzt so dort ist. lg

  3. 19.05.2016 at 14:11

    Sehr schöne Bilder und Impressionen. Manchester ist eine Stadt von der ich so rein gar keine Ahnung habe. Werden von Bildern noch von Aufenthalten dort. Scheint aber auch ganz nett zu sein, gemessen an Deinen Bildern… Danke fürs “mitnehmen” 😉

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